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Flexible Arbeitszeitmodelle in der Pflege: Wie Sie Mitarbeiterzufriedenheit und Effizienz steigern könnten – ohne Dienstplan-Chaos

Das Wichtigste am Anfang (damit Sie nicht 15 Minuten lesen müssen)

Viele Einrichtungen wollen „mehr Flexibilität“. Klingt gut. Und endet trotzdem oft in Frust, Diskussionen und noch mehr Einspringen.

  • Flexibilität ist kein Benefit. Es ist ein System aus Regeln, Puffer und Führung.
  • „Wunschdienstplan“ ist nicht das Ziel. Das Ziel ist Dienstplan-Stabilität – und planbare Freizeit.
  • Wenn Sie flexible Modelle einführen, ohne Ausfalllogik, bauen Sie eine Einspring-Maschine.
  • Fairness schlägt „frei wählbar“. Ohne transparente Regeln kippt jedes Modell politisch im Team.
  • Ein gutes Modell erkennt man nicht am Papier, sondern daran, dass nach 8 Wochen weniger krank und weniger Konflikt da ist.

Wenn Sie nur eine Sache mitnehmen: Erst das Fundament (Regeln + Puffer + Kommunikation), dann die schöne „Flex“-Hülle.

Inhaltsverzeichnis

Warum Arbeitszeit gerade der größte Hebel ist

Ich bin da ziemlich direkt: Sie gewinnen heute kaum noch über „mehr Recruiting“, wenn der Dienstplan sich wie ein Glücksspiel anfühlt.

Die Pflege lebt von Verlässlichkeit. Für Bewohner, Patienten, Angehörige – aber auch fürs Team. Und genau da beißt sich gerade vieles.

  • Mehr Pflegebedürftige treffen auf weniger verfügbare Arbeitskraft – das ist Demografie, kein Gefühl.
  • Teilzeit ist in der Pflege deutlich höher als im Durchschnitt – bei Frauen wie Männern. Das ist ein Signal: Arbeitszeit passt oft nicht zum Leben.
  • Unplanbarkeit frisst Motivation. Nicht „die Arbeit“ an sich, sondern das ständige Improvisieren.

Und ja: Das Thema ist emotional. Ich kenne diese Gespräche noch aus meiner Zeit in der Pflege – dieses „Ich kann nicht mehr einspringen, aber ich will auch niemanden hängen lassen“.

Genau hier setzen flexible Arbeitszeitmodelle an. Wenn Sie sie richtig bauen.

Was Pflegekräfte mit „flexibel“ wirklich meinen

Wenn jemand sagt: „Ich brauche mehr Flexibilität“, meint er selten: „Ich will jeden Tag anders arbeiten.“

In der Praxis sind es meistens diese vier Dinge:

  • Planbarkeit: Dienstplan steht früh genug – und bleibt dann auch stehen.
  • Mitbestimmung: Ich kann Wünsche einbringen, ohne dass ich dafür betteln muss.
  • Verlässliche Freizeit: Frei ist frei. Nicht „frei, bis jemand anruft“.
  • Erholung: Zwei freie Tage am Stück sind keine Luxusforderung, sondern Regeneration.

“What we really need is two consecutive days off, that’s essential for recovery.”

Quelle: BMC Nursing (Qualitative Studie zu Schichtplanung, 2025) – Artikel

Das ist der Punkt: Flexibilität ist oft eine Sehnsucht nach Stabilität. Klingt paradox, ist aber genau so.

Die 10 wichtigsten Arbeitszeitmodelle (mit Praxis-Check)

Ich gebe Ihnen jetzt nicht die „HR-Broschüre“. Ich gebe Ihnen die Modelle so, wie sie in Einrichtungen wirklich funktionieren – oder eben nicht.

1) Wunschdienstplan (mit festen Regeln)

Idee: Mitarbeitende geben Wünsche ab. Dienstplanung versucht, diese zu erfüllen.

Funktioniert, wenn:

  • es klare Grenzen gibt (z. B. Mindestbesetzung, Quali-Mix, Wochenend-Regeln)
  • Wünsche transparent priorisiert werden (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Gesundheit etc.)

Risiko: Ohne Regeln wird es „wer am lautesten ist, gewinnt“ – und dann kippt das Team.

2) Selbstplanung / Self-Rostering (digital oder analog)

Idee: Das Team erstellt den Plan (unter Rahmenbedingungen).

Plus: Mehr Kontrolle, oft bessere Akzeptanz.

Aber: Es gibt Hinweise, dass Fairness-Empfinden leiden kann, wenn Führung & Rollen sich verändern (Stichwort „Wer entscheidet dann eigentlich?“).

  • Nur starten, wenn Sie Moderations- und Konfliktregeln haben.
  • Nur starten, wenn die PDL nicht „unsichtbar“ wird, sondern aktiv führt.

Merksatz: Selbstplanung ist nicht automatisch gerechter. Sie kann gerechter werden – wenn Sie es so designen.

3) Arbeitszeitkonto / Jahresarbeitszeit

Idee: Stunden werden über einen Zeitraum ausgeglichen. In Peaks mehr, in ruhigen Phasen weniger.

Plus: Entzerrt Druck, schafft Spielraum.

Risiko: Wenn „Minusstunden“ zur Schuld werden oder „Plusstunden“ nie abgebaut werden, ist es verbranntes Vertrauen.

4) Feste Schichtpakete (z. B. nur Früh / nur Spät / nur Nacht)

Idee: Mitarbeitende wählen eine Schichtlogik, die zum Leben passt.

Plus: Extrem planbar. Besonders für Eltern oder Pendler.

Risiko: Sie brauchen genug Personalmasse – sonst tragen wenige die unbeliebten Zeiten.

5) 4-Tage-Woche / längere Schichten (mit sauberer Ergonomie)

Idee: Weniger Arbeitstage, dafür längere Dienste (z. B. 4×9–10 Stunden).

Plus: Mehr zusammenhängende Freizeit, weniger Pendel- und Übergabe-Reibung.

Risiko: Bei körperlich/psychisch schweren Bereichen kann es kippen. Und rechtliche Rahmen (Arbeitszeit, Ruhezeiten) müssen passen.

6) Kurzschichten (z. B. 4–6 Stunden) für Peaks

Idee: Kurze Dienste für Stoßzeiten (Morgenpflege, Abendrunde, Medikamentenspitzen).

Plus: Super für Wiedereinsteiger, Studierende, Minijobs – und für Entlastung im Peak.

Risiko: Wenn Kurzschichten „billiger Lückenfüller“ sind, ohne Einarbeitung und Verantwortung, erzeugen Sie Chaos.

7) Springerpool / Flex-Team (intern, nicht Zeitarbeit)

Idee: Ein internes Team federt Ausfälle ab. Mit klarer Rolle, fairer Vergütung und planbaren Spielregeln.

Plus: Sie reduzieren Einspringen im Stammteam und werden unabhängiger von Zeitarbeit.

Risiko: Wenn Springer „immer überall“ sind, ohne Heimat und ohne Anerkennung, gehen sie als Erstes.

8) Lebensphasen-Modelle

Idee: Arbeitszeit passt sich an Lebensphase an (Kinder, Pflege, Studium, Gesundheit).

Plus: Bindung. Menschen bleiben, statt zu kündigen.

Risiko: Ohne transparente Kriterien entsteht Neid.

9) Diensttauschbörse (digital, mit Regeln)

Idee: Mitarbeitende tauschen Dienste untereinander – innerhalb definierter Grenzen.

Plus: Flexibilität ohne Plan-Neuschreiben.

Risiko: Ohne Qualifikations-Check und Ruhezeiten-Check haben Sie ein Haftungsproblem.

10) Algorithmus-/KI-gestützte Planung (als Werkzeug, nicht als Chef)

Idee: Tools berücksichtigen Wünsche, Regeln und Ergonomie und erzeugen bessere Pläne.

Wichtig: Gute Tools optimieren nicht nur Besetzung, sondern auch Erholung (z. B. weniger ungünstige Wechsel, mehr zusammenhängende freie Tage).

“What matters most is that our personal needs, like childcare or time off, are taken into account.”

Quelle: BMC Nursing (Qualitative Perspektiven zu KI-Schichtplanung, 2025) – Artikel

Stationär vs. ambulant vs. Klinik: Was wo funktioniert

Ein Klassiker: Jemand kopiert ein Modell aus dem Krankenhaus in die ambulante Pflege – und wundert sich, warum es knallt.

Stationäre Altenpflege

  • Gut geeignet: Wunschdienstplan, Schichtpakete, Kurzschichten, Springerpool, Lebensphasenmodelle
  • Heikel: Selbstplanung ohne Moderation (Teams sind eng, Konflikte wirken schnell)
  • Praxis-Hebel: Zwei freie Tage am Stück als Standard, Wochenend-Fairness, klare Einspring-Regeln

Ambulante Pflege

  • Gut geeignet: Früh-/Spätpakete, Kurzschichten (Morgen/Abend), flexible Startzeiten, Arbeitszeitkonto
  • Praxis-Hebel: Tourenlogik. Wenn Touren „wild“ sind, wird jedes Modell zur Farce.
  • Wichtig: Pufferzeiten sind nicht „unproduktiv“, sondern verhindern Krank und Kündigung.

Klinik / Akutbereich

  • Gut geeignet: partizipative Planung mit Software, feste Pakete (z. B. Dauernacht), KI-gestützte Optimierung
  • Heikel: 4-Tage-Woche in Hochstressbereichen ohne Belastungscheck
  • Praxis-Hebel: Schicht-Ergonomie (Ruhezeiten, ungünstige Wechsel minimieren)

Die 7 Klassiker, warum Flex-Modelle scheitern

Wenn Sie diese Liste abhaken, sparen Sie sich Monate Diskussion.

  • „Wir führen Flex ein“ – ohne Regeln. Dann ist Flex nur eine Einladung zum Streit.
  • Kein Ausfallmanagement. Dann landet jede Lücke am Ende wieder beim Stammteam.
  • Zu spät geplant. Wenn der Plan immer „kurzfristig“ ist, kann niemand sein Leben organisieren.
  • Unklare Fairness. Wer bekommt welche Wochenenden? Wer trägt welche Last?
  • Führung zieht sich raus. „Das Team soll das unter sich klären“ ist oft nur Konflikt-Verlagerung.
  • Technik ohne Akzeptanz. Ein Tool löst keine Kulturprobleme.
  • Sie messen nichts. Dann diskutieren Sie nur Bauchgefühl.

Das, was kaum jemand sagt: Flexibilität braucht Ausfallmanagement

Hier kommt mein „unbequemer“ Punkt: Viele Einrichtungen wollen flexible Arbeitszeiten, aber sie wollen nicht über das sprechen, was Flex wirklich zerstört: Ausfälle.

Wenn Sie keinen Plan B haben, passiert Folgendes:

  • Sie versprechen Flex.
  • Dann kommt Krankheit, Urlaub, Fortbildung, Kündigung, Elternzeit.
  • Und plötzlich gilt wieder das alte Gesetz: „Wer da ist, springt ein.“

Damit machen Sie Flex zur Enttäuschung. Und Enttäuschung ist im Team tödlicher als „streng, aber fair“.

Die Lösung ist nicht „mehr Druck“. Die Lösung ist ein System, das Ausfälle schluckt:

  • interner Springerpool (auch klein, aber konstant)
  • klare Einspring-Regeln (freiwillig, vergütet, begrenzt)
  • Planungs-Puffer (ja, kostet. Aber Fluktuation kostet mehr.)
  • Quali-Mix sauber steuern (damit nicht immer die gleichen „die Verantwortung tragen“)

Wenn Sie das bauen, wird Flex plötzlich real. Vorher ist es ein Poster im Aufenthaltsraum.

Umsetzung: Schritt-für-Schritt (ohne Flächenbrand)

Sie müssen das nicht „groß“ starten. Im Gegenteil. Klein, sauber, messbar.

Schritt 1: Starten Sie mit einer ehrlichen Diagnose (1 Woche)

  • Wo brennt es? Frühdienst? Wochenende? Nachtdienst? Ambulante Peaks?
  • Wie viel Einspringen haben Sie pro Monat wirklich?
  • Wie oft ändern Sie den Plan nach Veröffentlichung?

Schritt 2: Definieren Sie 5 nicht verhandelbare Regeln (vor dem Modell!)

Beispiele, die in der Praxis funktionieren:

  • Dienstplan steht bis zum X. des Vormonats.
  • Änderungen nur mit Rücksprache – keine stillen Verschiebungen.
  • Frei ist frei. Einspringen ist freiwillig und begrenzt.
  • Wochenend-Fairness ist transparent (z. B. Rotationslogik).
  • Quali-Mix wird geschützt (nicht „zufällig“).

Schritt 3: Wählen Sie EIN Modell für EIN Team (Pilot 8–12 Wochen)

Wenn Sie neu starten: Nehmen Sie ein Team mit halbwegs stabiler Stimmung. Nicht das Team, das gerade am Rand ist.

Schritt 4: Bauen Sie einen Mini-Springer (auch wenn es nur 0,5–1,0 VK ist)

Das ist häufig der Unterschied zwischen „läuft“ und „war eine nette Idee“.

Schritt 5: Machen Sie eine klare Kommunikation (und ziehen Sie sie durch)

  • Was ist das Ziel? (Planbarkeit, weniger Einspringen, weniger Krank)
  • Was ändert sich konkret? (Regeln, Pilot, Feedback-Rhythmus)
  • Was bleibt? (Versorgungssicherheit, Mindestbesetzung, Verantwortung)

Schritt 6: Review alle 2 Wochen – kurz, hart, ehrlich

Fragen, die Sie stellen sollten:

  • Wo gab’s Konflikt? (und warum)
  • Wo hat’s entlastet?
  • Was hat Ausfälle abgefangen? (oder eben nicht)

Wichtig: Wenn Sie ein Modell ändern, sagen Sie warum. Sonst verlieren Sie Vertrauen.

KPIs: Woran Sie merken, ob es besser wird

Sie brauchen kein KPI-Theater. Sie brauchen eine Handvoll Zahlen, die Diskussionen beenden.

  • Plan-Stabilität: Wie viele Änderungen nach Plan-Freigabe?
  • Einspring-Quote: Wie viele Einspring-Schichten pro Monat (gesamt und pro Kopf)?
  • 2-Tage-frei-Quote: Wie oft schaffen Sie zwei freie Tage am Stück?
  • Kranktage / Ausfallquote: Entwicklung über 8–12 Wochen (Trend zählt).
  • Fluktuation / Kündigungsabsicht: Kurz-Survey (3 Fragen reichen).
  • Überstundenkonto: wächst es oder wird es real abgebaut?
  • Teamklima-Indikator: z. B. Konfliktfälle/Monat oder „Wie fair fühlt es sich an?“ (Skala 1–10)

Wenn Sie diese Zahlen haben, wird Führung leichter. Dann reden Sie über Realität, nicht über Lautstärke.

FAQ

Ist „flexibel“ nicht einfach nur ein neues Wort für „mehr arbeiten“?

Kann es werden – wenn Sie keine Regeln haben. Gute Flex-Modelle erhöhen nicht die Last, sondern verschieben Kontrolle zurück zum Team und stabilisieren den Plan.

Welche Rolle spielt Software wirklich?

Software ist ein Werkzeug. Studien zeigen: Partizipative Planung kann Kontrolle erhöhen und z. B. Schlaf/Arbeitsfähigkeit positiv beeinflussen – aber sie ersetzt keine Führung und keine Fairness-Regeln.

Wie verhindere ich, dass immer die gleichen „die blöden Dienste“ machen?

Transparenz + Rotation. Definieren Sie Regeln (z. B. Wochenenden, Nächte) und machen Sie sie sichtbar. „Wir regeln das individuell“ endet fast immer in Ungerechtigkeit.

Geht Flex auch bei Personalmangel?

Ja – aber dann ist der Einstieg kleiner. Oft starten wir mit Kurzschichten für Peaks oder einem Mini-Springer. Erst Stabilität, dann Ausbau.

Fazit

Flexible Arbeitszeitmodelle sind kein Wohlfühl-Projekt. Sie sind ein Management-Projekt.

Wenn Sie es sauber bauen, bekommen Sie drei Dinge gleichzeitig: weniger Einspringen, mehr Bindung, mehr Ruhe im System.

Und wenn Sie es halb bauen, bekommen Sie das Gegenteil: Diskussionen, Unfairness, noch mehr kurzfristige Löcher.

Quellen

  1. BMAS / INQA-Experimentierraum „Pflege:Zeit“ (Projekt zu neuen Arbeitszeitmodellen): Artikel
  2. Pflegenetzwerk Deutschland – Flexible Arbeitszeitmodelle (Pflege): Übersicht
  3. Bundesagentur für Arbeit – Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich (PDF-Download): Download-Seite
  4. Bundesagentur für Arbeit – Presseinfo (u. a. Teilzeitanteil / internationale Beschäftigte): Presseinfo
  5. Destatis – Pflegekräftevorausberechnung (Demografie & Versorgung): Themenseite
  6. BAuA Fokus – Arbeitszeiten & Belastungen (Pflege / Schichtarbeit): Fokus-Publikation (DOI)
  7. Partizipative Dienstplanung (Software) – Auswirkungen auf Wohlbefinden/Arbeitsfähigkeit (Finnische Kohorte, MDPI): Studie
  8. Self-Scheduling & Fairness (Organizational Justice) – PubMed-Abstract (2021): PubMed
  9. KI-gestützte Schichtplanung & Job Satisfaction – BMC Nursing (2025): Studie
  10. Qualitative Perspektiven zu KI-Schichtplanung (Fairness/Work-Life) – BMC Nursing (2025): Studie
  11. Arbeitszeitgesetz (ArbZG) – Rahmen zu Ruhezeiten & Arbeitszeit: Gesetzestext
Autor
Christian Wolfram
Gründer & Geschäftsführer bei Wolfram Digital
Christian Wolfram verbindet praktische Pflegeerfahrung mit fundierter psychologischer Expertise. Als gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und Absolvent der Psychologie (B.Sc.) kennt er die Engpässe der Branche genau.
Dieses Wissen nutzt er, um Pflegeunternehmen mit gezielten digitalen Strategien bei der Mitarbeitergewinnung und dem Aufbau einer starken Arbeitgebermarke zu unterstützen.
Er blickt auf langjährige Erfahrung im digitalen Recruiting (seit 2018) sowie Online-Marketing (seit 2015) zurück.