Wenn Sie schon im Dienst merken: „Das wird heute gefährlich“, dann brauchen Sie kein schlechtes Gewissen. Sie brauchen Klarheit. Und ein sauberes Vorgehen.
Wenn Sie nur eine Sache mitnehmen: Eine Überlastungsanzeige ist ein Systemsignal. Wenn das System nicht reagiert, wird nicht „der Markt“ schuld sein – sondern fehlende Führung und fehlende Prozesse.
Pflege ist kein Bürojob. Wenn die Organisation wackelt, wackelt nicht „die Produktivität“ – sondern die Sicherheit.
Und genau deshalb ist das Thema Überlastungsanzeige in der Pflege so relevant: Die Belastung ist nicht nur subjektiv. Sie hat messbare Folgen. Die WHO nennt Personalmangel, Übermüdung und Systemdruck als Faktoren, die Fehler begünstigen – gerade bei Medikationssicherheit. [1]
Pflege-Fehler sind selten „Charakterfehler“. Meistens sind sie Systemfehler – und genau das muss dokumentiert werden, bevor etwas passiert.
Eine Überlastungsanzeige ist eine schriftliche Meldung, dass Sie unter den aktuellen Bedingungen die Arbeit nicht mehr sicher und fachgerecht leisten können – und dass dadurch eine Gefährdung entsteht. [2]
Der Begriff ist im Alltag verbreitet. Fachlich wird oft auch von Gefährdungsanzeige oder Entlastungsanzeige gesprochen. [2]
Viele Ratgeber schreiben „wenn Sie sich überlastet fühlen“. Das ist zu schwammig. Pflege braucht klare Trigger.
Rote-Flaggen-Regel: Wenn mindestens 2 der folgenden Punkte zusammenkommen, ist eine Überlastungsanzeige in der Regel nicht „übertrieben“, sondern professionell.
Und ja: Beschäftigte müssen erhebliche unmittelbare Gefahren melden. [3]
Das ist der Teil, den viele Texte auslassen – und genau da verlieren Teams Zeit und Wirkung.
Für akute Gefahrenlagen: heute, jetzt, diese Schicht / diese Tour. Ziel: Sofortmaßnahmen + Dokumentation. [2]
Für Beinahe-Fehler und Prozessprobleme („fast passiert“, „Strukturfehler“). Ziel: Lernen und systematisch verbessern – oft anonym/ohne personenbezogene Details. [6]
Für Dauerzustände und strukturelle Risiken (z. B. chronische Unterbesetzung, psychische Belastungen, fehlende Unterweisung). Das ist Pflicht des Arbeitgebers. [4]
Merksatz: Heute gefährlich? → Überlastungsanzeige. Fast passiert? → CIRS. Seit Monaten so? → Gefährdungsbeurteilung + Maßnahmenplan.
Pflege ist nicht überall gleich. Und eine gute Überlastungsanzeige klingt je nach Setting anders.
Hier kippt es oft über eine Kombination aus Unterbesetzung + Neuaufnahmen + Zeitkritischem (Medis, Kontrollen, Notfälle).
Hier ist der Klassiker: Alleinarbeit (spät/nachts), mehrere Bewohner mit hohem Risiko (Sturz, Unruhe, Weglauf).
Ambulant ist das Problem selten „Klingel“. Es sind Wegezeiten, Schlüsselprobleme, Alleinarbeit und ein Tourenplan, der nur funktioniert, wenn niemand atmet.
Ambulant-Trigger: Wenn Sie anfangen, Leistungen zu verkürzen oder „durchzuwinken“, nur um die Tour zu schaffen, dann ist nicht Ihre Motivation das Problem – sondern die Planung.
Überlastungsanzeigen sind nicht nur „zu wenig Personal“. Sie sind auch: falsches Personal zur falschen Aufgabe.
Beispiele, die ich in Einrichtungen immer wieder sehe:
Arbeitsschutzrechtlich gehören Qualifikation und Unterweisung ausdrücklich in die Gefährdungsbeurteilung – und in der akuten Situation ist genau das ein sauberer Grund, zu melden. [4]
Das Geheimnis ist langweilig: Konkretheit schlägt Drama.
DSGVO-Falle: Viele meinen es gut – und schreiben am Ende ein Patientenprotokoll. Lassen Sie das. Halten Sie es minimal, sachlich, nicht identifizierend.
Wenn die Anzeige wirken soll, muss sie an Menschen gehen, die wirklich entscheiden können.
Und ja: Arbeitgeber haben Schutzpflichten. [5]
Das klingt banal – ist aber der Unterschied zwischen „wirksam“ und „abgeheftet“.
Sie können das 1:1 kopieren, in Word einfügen und als PDF speichern.
Betreff: Überlastungsanzeige / Anzeige einer Gefährdungslage – [Bereich] – [Datum, Schicht]
An: [Stationsleitung / Einsatzleitung / PDL / Einrichtungsleitung]
CC (optional): [Betriebsrat/MAV, QM, Arbeitsschutz]
1) Situation
• Datum/Uhrzeit/Schicht: […]
• Bereich/Station/Tour: […]
• Soll-Besetzung / Ist-Besetzung: […] (inkl. Qualifikationsmix)
• Besonderheiten: […] (Ausfälle, Neuaufnahmen, Risikolage)
2) Konkrete Gefährdungen / Qualitätsrisiken
• Ich kann unter den genannten Bedingungen nicht ausschließen, dass […]
• […]
3) Bereits getroffene Maßnahmen / Priorisierung
• Hilfe angefragt um […] Uhr bei […]
• Priorisiert: […] (z. B. Medikation/Notfälle zuerst)
• Nicht/nur verzögert möglich: […]
4) Erforderliche Maßnahmen (Handlungsaufforderung)
• […] (Springer / Aufnahmestopp / Tour splitten / Umverteilung / Priorisierung durch Leitung)
• Bitte Rückmeldung bis: […] (Uhrzeit/Schichtende)
5) Hinweis
Unter den aktuellen Bedingungen ist eine sichere, fachgerechte Versorgung nicht vollumfänglich gewährleistet.
Unterschrift
[Name, Funktion]
Das ist der Teil, den viele nur mit „kein Freifahrtschein“ abhandeln. Das reicht nicht.
Wenn Personal, Abläufe, Kontrolle, Ausstattung oder Qualifikation strukturell nicht passen, liegt das Problem in der Organisation. Das ist der Kern von Organisationsverschulden (vereinfacht gesagt: Das System war nicht sicher organisiert).
Wenn jemand eine Aufgabe übernimmt, obwohl klar ist, dass Qualifikation/Einweisung nicht ausreicht, kann das individuell relevant werden – gerade beim Thema „fehlende Einweisung“.
Klartext: Die Überlastungsanzeige senkt Ihr Risiko, aber sie ersetzt kein fachgerechtes Handeln. Sie ist die saubere Dokumentation, dass das System Sie in eine nicht sichere Lage bringt – und dass Sie das melden.
Benachteiligung wegen zulässiger Rechtsausübung ist grundsätzlich untersagt (Maßregelungsverbot). [7]
Hier sterben die meisten Anzeigen: geschrieben → abgeheftet → nächste Woche wieder gleich.
Wenn Schweigen Standard ist: Dann ist nicht „die Pflege“ das Problem. Dann ist Führung das Problem. Und genau das muss sichtbar werden – sonst ändert sich nichts.
Viele Pflegende haben Angst, als „Nestbeschmutzer“ zu gelten. Oder als „die/der Schwierige“.
Und das ist kein Hirngespinst: Forschung zeigt, dass Angst vor negativen Konsequenzen ein zentraler Grund ist, warum Risiken und Fehler nicht gemeldet werden. [8]
Was in der Praxis hilft, ist kein Mut-Poster. Es ist eine einfache Strategie:
Und noch ein E-E-A-T-Punkt, der oft unterschätzt wird: Das Thema ist keine „Kür“. Es ist Bestandteil professioneller Handlungskompetenz in der Pflegeausbildung (Rahmenlehrplan). [9]
Eine schriftliche Meldung, dass unter aktuellen Bedingungen eine sichere/fachgerechte Versorgung nicht gewährleistet ist und Maßnahmen nötig sind. [2]
Wenn die Situation akut ist und konkrete Risiken drohen – besonders, wenn mehrere rote Flaggen zusammenkommen (Unterbesetzung + Zeitkritisches / Alleinarbeit + hohes Risiko / fehlende Einweisung).
An direkte Führung (Stations-/Team-/Einsatzleitung) und PDL/Einrichtungsleitung, am besten nachweisbar. Optional Betriebsrat/MAV und QM/Arbeitsschutz in CC.
In der klassischen Form selten sinnvoll. Besser: kollektive Anzeige oder parallel CIRS/Fehlermeldesystem für anonymisierte Prozessprobleme. [6]
Die Vorlage oben ist Word-tauglich. Einfach kopieren → in Word einfügen → als PDF exportieren.
Eine Überlastungsanzeige ist kein Streit. Sie ist ein professionelles Instrument, um Patientensicherheit und Eigenschutz sichtbar zu machen.
Wenn das System danach nicht reagiert, ist die Anzeige nicht „sinnlos“. Dann haben Sie zumindest dokumentiert, dass das Risiko bekannt war – und Sie brauchen den After-Action-Plan.
Pflege darf nicht auf Glück laufen. Nicht für Patient:innen. Und nicht für Sie.